Der Mensch muss das Klima retten. So der Konsens von Wissenschaft und Politik der westlichen Industriestaaten. Ende Juli sorgte eine Studie der Universität Lund (Schweden) für Irritationen, die Paaren empfiehlt, auf Kinder zu verzichten, da sie die größten Klimakiller seien. Der folgende Beitrag spürt Denkmuster und Strategien auf, die den Umgang mit der Erderwärmung und mit ökologischen Fragen generell in der westlichen Welt bestimmen, und stellt diesen einen beziehungsorientierten Lösungsansatz gegenüber.

 

Die aktuelle Situation

Die Klimapolitik will die globale Erderwärmung eindämmen mittels Vermeidung von Treibhausgasen, erneuerbaren Energien, höherer Energieeffizienz und Energieeinsparung. Außerdem werden Strategien zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels entwickelt. Dahinter steht die Feststellung, dass vom Menschen erzeugte Treibhausgase wie CO2 für den Klimawandel verantwortlich sind, und diese vor allem durch die Verbrennung fossiler Stoffe (Erdöl, Erdgas und Kohle) erzeugt werden.

Da die Klimapolitik ein globales Problem lösen will, kann sie nur mit einem weltweit verfolgten Ansatz erfolgreich sein, also mittels internationaler Zusammenarbeit, nationalen und lokalen Standards und politischen Maßnahmen auf allen Ebenen, um dies zu erreichen.

Ein solch ambitioniertes Projekt weltweiten Ausmaßes steht und fällt demnach erkennbar mit den Beziehungen zwischen Nationen, zwischen Regierungen und ihren Regionen und zwischen Institutionen und Individuen.

Um die zwischen Klimaskeptikern und Klimaalarmismus verhärtete Diskussion auf eine andere Ebene als die scheinbar rational-sachliche zu heben, schlagen wir deshalb eine beziehungsorientierte Sicht auf die Problematik vor. Nach dem biblischen Zeugnis ist der Mensch in Beziehung zu Gott, zu seinem Mitmenschen und zur Schöpfung geschaffen und in Verantwortung gesetzt. Bei Missachtung der ersten beiden Aspekte wird seine Beziehung zur Schöpfung zwangsläufig in eine Schieflage geraten.

 

Politik in der Verantwortung vor Gott

Wir sollen uns laut Schöpfungsauftrag die Erde untertan machen und über die Schöpfung herrschen (1Mose 1,28). Ein gewaltiger Auftrag, den die Wissenschaft des christlichen Abendlandes seit der philosophischen Revolution der Aufklärung in Unabhängigkeit vom Schöpfer unserer Welt wahrnimmt, und der spätestens seit der industriellen Revolution gewaltige Nebenwirkungen zeitigt, unter die auch die Klimaveränderungen eingeordnet werden.

Wir lesen geleichzeitig nirgends in der Bibel, dass diese Erde gerettet werden wird, sondern dass Himmel und Erde vergehen werden (Mt 24,35). Das heißt nicht, dass wir Gott dabei helfen und sie mutwillig zerstören oder Zerstörung hinnehmen sollen. Priorität in Gottes Rettungsplänen in Zeit und Ewigkeit hat aber der Mensch, und nicht unser ausgebeuteter Planet.

Die Erlösung des Menschen ist nicht der Auftrag der Naturwissenschaftler. Sie dürfen getrost bei ihrem Fach bleiben, sich die Erde untertan zu machen und über die Schöpfung zu herrschen.  Wenn dies jedoch nicht in Abhängigkeit und Verantwortung vor Gott geschieht, entwickeln sie sich verselbständigende Heilslehren, die den Menschen an ihre Doktrin versklaven, damit er der Schöpfung dient, statt dass er verantwortlich über sie herrscht – und zwar nicht nur die Wissenschaft, sondern die Menschheit als Gesamtheit. Damit wird zum einen der Schöpfungsauftrag umgekehrt und zum anderen wie mit den Szenarien des Klimawandels Macht ausgeübt über Nationen, über die Wirtschaft, über Lehre und Forschung, Medien und die gesamte Gesellschaft.

Wenn letztlich gar Menschen vermieden oder geopfert werden sollen, um das Klima zu retten, wie nach der Studie der Universität Lund[1], dann fragt man sich, für wen: für Wale, Elefanten und den Regenwald? War das der Plan Gottes für seine Haushalter, dass sie am besten von der Erde verschwinden, um diese zu erhalten? Oder wer entscheidet dann darüber, welche Menschen sein dürfen und welche nicht?

Aus einer christlichen Perspektive kann der Klimaschutz nicht über dem Menschen stehen, auch nicht unter der Vorgabe, dass er langfristig dem Erhalt der Menschheit mittels Erhalt seiner Umwelt dient. Wo Beziehungen zwischen Menschen diesem Ziel geopfert werden, steht der Erhalt der Menschheit lange vorher auf dem Spiel, wie wir aus den Kriegen dieser Welt wissen. Die Beteuerung, Kriege könnten verhindert werden, hat in der Vergangenheit nicht den Realitätstest bestanden. Für die Verhinderung des Klimawandels steht er in der Zukunft noch aus und der Zweck heiligt nicht die Mittel! Ein Votum für die Bewahrung der Schöpfung schließt den Menschen entweder ein, und zwar kompromisslos hier und heute, oder es kann sich nicht auf einen christlichen Konsens berufen.

 

Die Beziehungen zum Mitmenschen als Prüfstein

Mit dem Kyoto-Protokoll der Vereinten Nationen wurde 1997 ein Instrumentarium zur Erreichung weltweiter Klimaziele geschaffen. Ein Kernpunkt der Maßnahmen ist der Emissionsrechtehandel, mit dem vor allem die Industrienationen weltweit von eigenen Investitionen in den Klimaschutz profitieren und gut verdienen. Auf der anderen Seite des Globus werden Entwicklungsländer mit Klimaschutzverpflichtungen unter Druck gesetzt, die die Abholzung von Regenwäldern, nachholende Industrialisierung und insbesondere die Bevölkerungszunahme begrenzen sollen. Diese Verpflichtungen erschweren und verteuern nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der ärmsten Länder. Es werden damit arme Länder in Haftung für die Sünden der reichen genommen, die unter der Annahme des vom Menschen verursachten Klimawandels durch ihre exzessive Industrialisierung für diesen verantwortlich zeichnen. Die Entwicklungsländer hatten nicht nur fast keinen Anteil daran in der Vergangenheit, sondern leiden zudem heute am meisten unter den Auswirkungen.

An diesem Dissens wird die Schieflage deutlich in der Verteilung der Lasten, der Kosten und des Nutzens der Klimaziele und die Machtausübung der westlichen Industrienationen. Die Lieferung „sauberer“ Technologie an Entwicklungsländer verschärft diese Machtausübung eher, da sie einem technischen Standard entspricht, den diese Länder oft weder bezahlen noch bedienen können. Die Beziehung zwischen den Entwicklungsländern und ihren ehemaligen Kolonialherren wird dadurch nicht geheilt, sondern sie werden wiederum unter Repression genommen, statt als Partner behandelt.

Auf nationaler und regionaler Ebene wehren sich vor allem die Kommunen gegen eine überzogene, repressive Umweltpolitik. Wenn Städte gezwungen werden, mit hohem finanziellen und Verwaltungsaufwand Umweltzonen einzugrenzen, obwohl diese nachweislich in mehreren Experimenten bereits keine oder eine marginale Verminderung der Feinstaubbelastung bewirkt haben, dann geht es nicht um das Wohl der Anwohner, sondern nur darum, Maßnahmen gegenüber einer EU-Richtlinie nachzuweisen und Strafen zu vermeiden.

Wenn Waldflächen für immer mehr Windräder abgeholzt werden, die keinen stabilen Strom liefern aber ganze Landstriche verunstalten und die Gesundheit von Anwohnern gefährden, wird nicht dem Gemeinwohl oder dem Klima gedient, sondern den von einem Machtsystem diktierten Vorgaben.

Man kann auf diese Weise Politik betreiben, das ist in Diktaturen üblich. In einer Demokratie sollte aber die Macht vom Volk ausgehen und nicht von einer Politikerklasse, die über dessen Bedürfnisse bestimmt. Wer Demokratie erhalten will, ist auf Akzeptanz politischer Maßnahmen vonseiten der Bevölkerung angewiesen. Politische Bildung ist zur Förderung dieser Akzeptanz solange ein legitimes Mittel, wie verschiedene Sichtweisen auf das Problem thematisiert werden und die Bevölkerung die Möglichkeit hat, sich eine ausgewogene Meinung dazu zu bilden unter Abwägung aller kurz- und langfristigen Nutzen- und Gefahrenpotenziale. Wenn einseitige Expertenmeinungen als die einzig legitime Sichtweise propagiert und kritische Frager als Gefährder des Gemeinwohls gebrandmarkt werden, ist diese Möglichkeit nicht gegeben und die Akzeptanz politischer Maßnahmen wird schwinden. Unzufriedenheit, Unterwanderung, Verschwörungstheorien, Proteste und Unfrieden sind die Folgen – mit möglicherweise ernsterem Gefahrenpotenzial, als es der Klimawandel birgt.

 

Balance zwischen Mensch und Natur schaffen

Kann der Mensch das Klima retten? Sicher nicht. Er kann es vielleicht beeinflussen. Selbst das ist fraglich. Was wir können, ist der umsichtige Umgang mit Ressourcen mittels einer bedarfs- statt konsumorientierten Wirtschaft. Die Frage kann nicht immer weiter lauten: Was können und wollen wir alles? Sondern: Was brauchen wir wirklich?

Die westlichen Industrienationen haben gigantische technische Leistungen vollbracht, hochfunktionale Städte und Infrastrukturen errichtet. Niemand kann und will diese Wunder menschlichen Schaffens abschaffen oder stilllegen. Aber Beispiele wie der Berliner Flughafen zeigen, dass dieses Schaffen an seine Grenzen kommt und wir uns möglicherweise etwas bescheiden sollen. Die Komplexität der Abläufe droht uns zu entgleiten. Wo wir uns bereits übernommen haben, ist sowieso Schluss mit Schneller, Höher, Weiter und es gibt Stillstand über Jahre, abgesehen von den ausufernden Kosten.

Globalisierung wird nicht ohne Rückkopplung an regionale Strukturen auskommen und Klimapolitik nicht ohne Beziehung des Menschen zur Natur. Dabei geht es um mehr als ökologische Vorschriften zur Wärmedämmung oder Mülltrennung. Wer das Klima, die Umwelt oder die Natur retten will, muss sie lieben und muss den Menschen lieben, um zu sehen, was ihm wirklich dient, statt ihn von der Schöpfung abzukoppeln und zum Objekt einer zentralistischen Umweltpolitik zu machen.

 

Prioritäten für die konkrete Politik

Seit 2016 ist absehbar, dass nicht die Entwicklungsländer, sondern die G20-Länder ihre eigenen, bei der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 vereinbarten Klimaziele verfehlen, die den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter zwei Grad Celsius halten sollen. Verantwortlich gemacht werden dafür zu niedrige Investitionen in erneuerbare Energien. Kann man den Effekt erneuerbarer Energien auf die Erderwärmung wirklich voraussagen?

Ein beziehungsorientierter Wirtschaftsplan für Europa und darüber hinaus fragt nicht zuerst nach Klimazielen, sondern danach, welche Gefahren im Jetzt die Welt bedrohen und wie ihnen begegnet werden kann. Dabei stellt ein auf Schulden basierendes Finanzsystem und die daran gebundene Funktionsweise der Kapitalmärkte den absehbar größten Risikofaktor für die Beziehungen zwischen Völkern, Institutionen, Interessengruppen und Individuen und im Blick auf zukünftige Generationen dar, wie uns einschneidende Wirtschafts- und Finanzkrisen bereits vor Augen geführt haben. Europa braucht einen Weg, um Wachstum zu stimulieren, ohne die beispiellose Schuldenlast weiter zu erhöhen, sondern zu reduzieren, weil diese kurz- und mittelfristig weit verheerenderen Schaden bringen könnte als anerkannte Bedrohungen wie der Anstieg des Meeresspiegels.

Gefahren des Klimawandels sollen damit nicht ignoriert werden, sondern Maßnahmen dagegen den ihnen zustehenden Platz erhalten. Vertrauen zwischen Regierungen und Wählern kann wiederhergestellt werden, wenn vor allem die fiskalischen Auswirkungen fortgesetzter Schuldenfinanzierung auf zukünftige Generationen transparent gemacht und auch Klimamaßnahmen dem Schuldenabbau nachgeordnet werden. Eine nachhaltige Umweltpolitik kann im Rahmen einer Politik entwickelt werden, die in allen Bereichen der Gesellschaft auf einer ethischen Grundlage steht, die Gegenseitigkeit und Fairness fördert und international in gegenseitiger Achtung der Nationen und ihrer Prioritäten agiert.

Das Klima wird nicht die Welt retten. Aber der Mensch kann in Verantwortung vor Gott der Gesellschaft zum Besten dienen und auch in kommenden ökologischen Katastrophen gemeinsam über die Auswirkungen herrschen.

 

Karin Heepen

 

[1]http://www.lunduniversity.lu.se/article/the-four-lifestyle-choices-that-most-reduce-your-carbon-footprint