Ostdeutschland gilt noch immer als eine der atheistischsten Regionen Europas. Ausgerechnet da wollen überdurchschnittlich viele Menschen das christliche Abendland retten. Christdemokratische Politik gibt es jedoch nicht ohne ihr christliches Fundament und christliche Werte nicht ohne ihre biblische Herkunft.

Warum im Osten Deutschlands besonders viele Menschen die AfD wählen und Deutschland damit keine politische Wende bekommen wird …

Der erstickte geistliche Aufbruch

Die Oppositionsbewegung der DDR formierte sich – wie bereits seit 1980 die Solidarność-Bewegung in Polen – maßgeblich im Schutz der christlichen Kirchen, die einen Freiraum zum Denken boten. Mit Gebet und Kerzen gingen die Menschen im Herbst 1989 auf die Straßen. Dass das Ende des DDR-Regimes ohne Blutvergießen kam, sahen viele Christen im Osten als Wunder, voller Dankbarkeit und Antwort auf ihr Gebet. Im folgenden Umbruch übernahmen überdurchschnittlich viele Christen, Pfarrer und Theologen politische Verantwortung, auf der kommunalen Ebene, in den Landtagen bis in den Bundestag und die Regierung. Nach 40 Jahren Unterdrückung ergriffen sie die Chance, dieses Land nach christlichen Maßstäben bestmöglich neu zu gestalten, die meisten von ihnen in der CDU.

Der zarte geistliche Aufbruch, der in den Fall des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs mündete, wurde jedoch von den kommenden dramatischen Veränderungen weitgehend erstickt, die vielen Menschen einen kompletten beruflichen Neuanfang abverlangten, aber auch von den Segnungen des Kapitalismus, Konsum, Reisen und neuen Möglichkeiten in fast jedem Lebensbereich. Das mussten auch die zahlreichen Missionare aus dem Westen feststellen. Der Kapitalismus erfüllte, was der Sozialismus versprochen, aber nicht gehalten hatte: die Erfüllung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse, nunmehr nicht mehr nur der werktätigen Bevölkerung, sondern aller, die es sich leisten konnten. 40 Jahre verordneter Atheismus hatte ganze Arbeit geleistet und die geistlichen Bedürfnisse der Bevölkerung weitgehend vergessen gemacht. Die Kerzen und Gebete der Wendezeit waren für viele Menschen bald Geschichte.

Christdemokratie und Katholische Soziallehre1

Dennoch spielte die Christdemokratie aufgrund der Präsenz der vielen Christen in der Politik beim politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Ostens eine Hauptrolle, so wie bereits nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des zerstörten Europas. In beiden Epochen kam ein Gesellschaftsmodell auf christlicher Grundlage zum Tragen, das Freiheit, Wohlstand, Sicherheit und Frieden herstellte.

Die Grundlagen dafür wurden in Europa bereits gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit der Katholischen Soziallehre gelegt. 1848 war Karl Marx‘ „Kommunistisches Manifest“ erschienen. Die Arbeiterfrage trat in den Vordergrund der gesellschaftlichen Debatten und wurde von den widerstreitenden Ideen des Sozialismus und des Liberalismus dominiert. In den sozialen und ideologischen Verwerfungen verstanden die Christen, dass ein anderes Paradigma nötig war und sie zur Schaffung eines auf christlichen Prinzipien basierenden Gesellschaftsmodells beitragen müssten.

1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. das erste päpstliche Rundschreiben zur Arbeiterfrage, die Sozialenzyklika „Rerum novarum“2. Sie enthält eine Vision für den Wiederaufbau der sozialen Ordnung nach dem Naturrecht, basierend auf biblischen Maßstäben, und wurde zum grundlegenden Dokument der Katholischen Soziallehre. Leo XIII. wandte sich damit gegen den von den Sozialisten angestachelten Klassenkampf und die sozialistische Vergemeinschaftung von Eigentum. Er plädiert stattdessen für Versöhnung, brüderliche Liebe und Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Gleichzeitig betont er die christliche Sozialverpflichtung von Familien und Besitz, gerechte Löhne und gesetzlichen Schutz für die Arbeiter. Gegen den Liberalismus spricht er sich für eine staatliche Sozialpolitik aus mit einer Gesetzgebung zur Förderung des Gemeinwohls, das die Arbeiter mit ihrer Arbeitskraft maßgeblich schaffen.

Die Lehre von „Rerum novarum“ wurde als „katholischer Mittelweg“ zwischen Sozialismus und Liberalismus bekannt – im Bewusstsein, dass ohne die Kirche und die verändernde Kraft des christlichen Glaubens es keinen Ausweg aus den ideologischen Irrwegen und der Polarisierung der politischen Fronten gibt. Sie wurde zur Initialzündung für die Herausbildung der Christdemokratie in vielen Teilen der Welt. In Deutschland hatte sich 1870 die katholische Zentrumspartei gegründet. Sie stellte bis 1933 vier Reichskanzler, konnte aber das Scheitern der Weimarer Republik nicht verhindern.

Staatstragendes Modell für Europa

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde – nun konfessionsübergreifend – in Deutschland die CDU gegründet. Männer wie Konrad Adenauer und Robert Schuman hatten unter Verfolgung während des Krieges gebetet und gearbeitet, wie das verfeindete, zerstörte Europa versöhnt und wiederaufgebaut werden kann. Es flossen die Forderungen der Katholischen Soziallehre nach gerechtem Lohn, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, der gerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie sozialer Partnerschaft in die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft ein, die zum Erfolgsmodell des neuen Europas wurde. In vielen europäischen Ländern wurden christdemokratische Parteien gegründet. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten entwickelten Politiker in aller Welt jenseits von Liberalismus und Kommunismus einen christdemokratischen Weg, der in Deutschland für etwa 50 Jahre staatstragend wurde. Daran änderten auch zwischenzeitliche SPD-Regierungen nichts grundlegend. Und Europa bekam über 70 Jahre Frieden.

Das atheistische Gegenprogramm

Die antichristliche Gegenreaktion kam mit dem 68er Neomarxismus: Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat. Der gezielte Abbruch der christlichen Grundlagen und des darauf basierenden christdemokratischen Gesellschaftsmodells wurde von vielen Westdeutschen nicht als solcher erkannt, weil er in einer Verpackung des Liberalismus kam: im Namen einer falschen Freiheit von biblischen Normen und Werten, eines Individualismus ohne Verantwortung für den Nächsten, einer einseitigen Gerechtigkeit für Minderheiten statt für das Gemeinwohl, einer Ökologie ohne den Schöpfer. Der gezielte Marsch durch die Institutionen unterwanderte Bildung, Medien und Politik in einen neomarxistischen Mainstream, der von der Familie angefangen immer mehr die gesellschaftlichen Beziehungen, Eigenverantwortung und die Wirtschaft zersetzte. Die Kirchen haben sich der „Umbegreifung der Begriffe“ und christlicher Werte eher angepasst als das biblische Zeugnis gegen den Zeitgeist zu behaupten.

Alternative ohne christliches Fundament

Im Ergebnis der heutigen Politik sind die Parallelen zum Sozialismus unübersehbar und die Wurzel des Marxismus zumindest für die Augen der Ostdeutschen. Es stand eine Partei als Gegenreaktion zu diesem links-grünen politischen Mainstream auf, die wiederherstellen will, was mit der Christdemokratie verloren gegangen ist – allerdings ohne Bezug auf deren christliches Fundament. Den meisten Ostdeutschen ist das egal, wenn nur die Politik wieder stimmt, die ihnen Freiheit, Wohlstand und Sicherheit gebracht hat. Aber christdemokratische Politik und ihre guten Früchte sind auf Dauer nicht ohne ihre christlichen Wurzeln zu haben. CDU/CSU haben nicht nur immer mehr Boden verloren, weil sie Kompromisse mit dem neomarxistischen Mainstream eingegangen sind. Sie selbst und ein Großteil der Bevölkerung haben das biblische Fundament, die christliche Ethik, die Fundierung im christlichen Glauben zusehends verlassen. Christlich fundierte Politik ist ohne von Christus geprägte Menschen aber nicht zu machen.

Keine politische Wende ohne Umkehr zu Gott

Deshalb wird es mit der AfD keine fruchtbringende politische Wende für Deutschland geben. Konservative Politik ohne christliches Fundament wird genauso scheitern wie die antichristliche Politik des regierenden neomarxistischen Mainstreams. Daran ändern auch einige ehemals christliche Werte und Positionen und die Christen in der AfD nichts, wenn die Quelle nicht klar ist. Die Wahrheit ist weder rechts noch links, sondern Jesus Christus. Gott will Deutschland zurück. Er hat Westdeutschland mit einem Marshallplan und Wirtschaftswunder gesegnet und das verhasste Deutschland wieder zu einer angesehenen Nation mit Führungsverantwortung in Europa gemacht. Er hat uns das Wunder des Mauerfalls, die Gnade der Wiedervereinigung und ein wiederaufgebautes Ostdeutschland geschenkt. Und wir haben Ihn darüber vergessen und geglaubt, wir könnten das alles ohne Ihn erhalten oder gar vermehren.

In den Erschütterungen der Systeme, die wir erleben, angefangen von der Wirtschaft, dysfunktionaler Verwaltung, von Demokratie und Parteiensystem bis hin zu aufbrechenden Kriegen ruft uns der Herr der Geschichte. Deutschland soll nicht nur politisch und wirtschaftlich in Europa Führung übernehmen, sondern auch geistlich für eine Umkehr des ehemals christlichen Kontinents Europa. Junge Menschen, die aus atheistischem Hintergrund nicht nur in Ostdeutschland zu Christus kommen, sind Hoffnungsträger auch für eine politische und wirtschaftliche Erneuerung aus biblischer Quelle. Bereiten wir uns vor, sie als Jünger Jesu im politisch Beten und Arbeiten zu schulen und auszubilden, damit Deutschland genesen kann (Jeremia 29,7).

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1 Eine ausführliche Darstellung der Grundlagen und Entwicklung der Christdemokratie finden Sie unter https://buendnis-c.de/christdemokratie-und-relationales-denken-3959/

2 http://www.kathpedia.com/index.php?title=Rerum_novarum_(Wortlaut)