Die vor einem Jahr gegründete rumänische Partei Actiunea Conservatoare (ACT) feierte am 21. Juni ihren ersten Parteikongress im Bukarester Parlamentspalast. Der Saal war mit über 700 Delegierten, Mitgliedern und Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt. Neben mehreren Europaabgeordneten und dem Präsidenten der European Christian Political Party (ECPP) war Karin Heepen als deutsche Gastsprecherin und Vizepräsidentin der ECPP zu einem Grußwort eingeladen. Hier lesen Sie ihre Rede im deutschen Wortlaut:
Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Mandatsträger, Mitglieder, Freunde und Gäste der ACT-Partei,
lieber Herr Tarziu,
es ist mir eine große Ehre, heute als deutsche Gastsprecherin vor Ihnen zu stehen. Ich danke Ihnen sehr herzlich für die freundliche Einladung zu diesem ersten Kongress Ihrer Partei.
Was verbindet unsere beiden Länder Rumänien und Deutschland? Wir sind nicht nur einfach Europäer, wir haben eine gemeinsame, leidvolle jüngere Geschichte des Kommunismus und der Teilung über 40 Jahre. Wir haben – Gott sei Dank – seit über 35 Jahren ein wiedervereinigtes Deutschland und zusammen ein geeintes Europa. Wir alle schätzen, glaube ich, die Werte, auf denen das neue Europa gegründet wurde nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wir haben diese Werte in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wiederbelebt. Aber wir sehen gleichzeitig, dass diese Werte teilweise ausgehöhlt werden, und dass individuelle Freiheiten auf Dauer nicht ohne Verantwortung für das Gemeinwohl zum Guten dienen.
Ich möchte dazu ein Beispiel aufgreifen, das unsere beiden Länder betrifft, wenn auch auf gegensätzliche Weise. Die EU-Freizügigkeit hat vielen Menschen aus Rumänien Arbeit, ein wohlhabenderes Leben und uns in Deutschland willkommene Fachleute verschafft. Gleichzeitig wurden hier Ehen und Familien zerrissen und Kinder als Waisen zurückgelassen. Mehr als 3 Millionen Menschen, meist junge, gut ausgebildete Fachkräfte, haben Ihr Land verlassen und fehlen heute Ihrer Wirtschaft und für die Modernisierung des Landes. Natürlich war das die freie Entscheidung Ihrer Bürger. Aber ich möchte Sie stellvertretend für mein Land und für die EU um Vergebung bitten, dass wir für diesen Brain Drain die Voraussetzungen geschaffen und davon profitiert haben, während Rumänien davon erheblich geschwächt wurde.
Wir als christliche Partei in Deutschland betonen deshalb, dass die demografische Krise der westlichen Welt nicht mit Zuwanderung zu lösen ist, die andere Länder ausblutet. Es ist Unrecht, ausgebildete Fachkräfte aus wirtschaftlich schwächeren Ländern abzuwerben. Dabei geht es nicht um Nationalismus oder darum, unsere Kultur strikt von Einwanderern freizuhalten. Vielmehr führt mich dies zu einem Schlüsselthema Ihrer Partei. Denn der Ausweg aus der demografischen Krise unserer Länder und Europas ist nicht Zuwanderung, sondern eine umfassende, ressortübergreifende Familienpolitik, die jungen Paaren Mut macht, Kinder zu haben, und ihnen gute Bedingungen bietet, um sie gesund großzuziehen. Ohne gesunde Familien gibt es keine gesunde Gesellschaft. Und nur eine resiliente, beziehungs- und leistungsfähige nächste Generation wird auch unsere Wirtschaft erhalten können. Es ist unsere Verantwortung als Christen in der Politik, für diese Gesundung unserer Länder zu arbeiten.
Dafür müssen wir jedoch an den Wurzeln unseres Wohlergehens in Europa ansetzen. Ich stamme aus Ostdeutschland und lebe dort. Der Osten Deutschlands gilt nach wie vor als eine der atheistischsten Regionen Europas. Und wir haben das Phänomen, dass vor allem dort die Menschen das christliche Abendland retten wollen – ohne Christus. Das aber wird nicht mehr funktionieren. Werte wie Freiheit, Würde und Verantwortung, die von unserer christlichen Ethik her Europa geprägt haben, sind auf Dauer nicht ohne ihr Fundament in der Bibel und unserem christlichen Glauben zu haben. Die Politik kann diese Werte nicht konservieren ohne Menschen, die von Christus geprägt und bereit sind, ihrem Land und der Gesellschaft in diesem Geist zu dienen. Eine solche spirituelle Erneuerung kann die Politik nicht bewirken, das ist die Aufgabe der Kirchen. Aber auch als konservative Parteien brauchen wir als Quelle für unsere Politik das Wort Gottes und Seinen Geist, um zukunftsträchtige Lösungen für die multiplen Krisen Europas zu entwickeln und nachhaltig dem Wohl der Menschen und unserer Länder dienen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer jungen Partei die Weisheit Gottes und Erfolg, dass Sie ein sichtbares Vorbild werden in der öffentlichen Wahrnehmung und der Politik in Rumänien, zum Segen für Ihr Land. Und ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit zum Besten für Europa.
Gott segne Sie!
Karin Heepen
Vizepräsidentin ECPP
Über den ACT-Kongress und die Rede wurde in den rumänischen Medien ausführlich berichtet https://www.qmagazine.ro/politician-german-la-congresul-act-as-dori-sa-va-cer-iertare-in-numele-tarii-mele-si-al-ue-pentru-ca-am-creat-conditiile-pentru-acest-exod-al-creierelor-si-am-beneficiat-de-pe-urma-lui/
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Foto: privat