Menschenwürde und Verantwortlichkeit

Die Menschenwürde in ihrer biblischen Definition wird zurecht als der Kern christlich fundierten politischen Denkens und daraus abgeleiteter christlicher Werte angesehen. Sie verweist im Wesentlichen auf den individuellen Wert jedes menschlichen Wesens als einzigartige Schöpfung Gottes und auf seinen Ursprung als Ebenbild Gottes.

Dieses Essay arbeitet heraus, dass die Fundierung der Menschenwürde im biblischen Befund unvollständig bleibt, wenn sie nicht das Wesen des Menschen als verantwortliche Person mit umschließt. Es werden die politischen Konsequenzen erhoben, wenn die Achtung der Menschenwürde nur allein zu dem Ruf führt, diese zu schützen und zum Recht auf Leben für jedes menschliche Wesen, jedoch nicht zum Ruf in die Verantwortung.

 

Theologische und philosophische Grundlagen

Verantwortung als unverzichtbarer Bestandteil der Menschenwürde ist biblisch im Schöpfungsauftrag in 1Mose 1,28 grundgelegt. Gott schuf Mann und Frau nicht nur und setzte sie in den Garten Eden, wo sie mit allem versorgt waren, was sie zum Leben brauchten (1Mose 2,15). Sein Auftrag, fruchtbar zu sein, sich zu vermehren, die Erde zu füllen, sie sich untertan zu machen und über die Tiere zu herrschen, ist integraler Bestandteil des Schöpfungsberichtes und ruft Mann und Frau von Beginn ihrer Existenz an in die Verantwortung vor Gott, für die Erde und für alles, was lebt. Aus diesem Auftrag wurde theologisch die Fähigkeit und Bestimmung des Menschen zur Arbeit und zu aktiver schöpferischer Betätigung abgeleitet.

Eine weitere Verantwortung, die Mann und Frau im Schöpfungsakt mitgegeben wird, ist, eine Hilfe und Ergänzung füreinander zu sein und über ihre eigene, gegenseitige Beziehung hinaus für Andere (1Mose 2,18). Die umfassende Verantwortung des Menschen für seinen Mitmenschen, die Jesus im Liebesgebot (Mt 22,39) zusammengefasst hat, ist anthropologisch in der Identität von Mann und Frau als Beziehungswesen verortet.

Ein dritter Aspekt der Verantwortung bezieht sich auf den Fakt, dass Gott die menschliche Freiheit in einem einzigen Punkt begrenzt hat: nicht selbst zu entscheiden, was Gut und was Böse ist. Es war nicht vorgesehen, dass Mann und Frau dafür die Richtlinien kennenlernen, sondern dass sie Gott vertrauen, dass Er sie kennt und ihnen einen perfekten Lebensraum gegeben hat, aus dem Er das Böse außer Reichweite und Einfluss auf sie heraushält. Mit dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen (1Mose 2,17), hing das menschliche Leben unmittelbar an seiner Verantwortung, Gott zu vertrauen und zu gehorchen, oder diese Verantwortung abzulehnen und seine umfassende Menschenwürde zu verfehlen. Der Schaden wird sichtbar mit der Scham, die aufsteigt (1Mose 3,7-10).

Immanuel Kant, herausragender Philosoph der deutschen Aufklärung, wurde unter anderem für den kategorischen Imperativ berühmt und für seine Begründung der Menschenwürde in der Fähigkeit des Menschen, sich selbst ein moralisches Gesetz zu geben mittels seiner praktischen Vernunft, und in jeder Situation des Lebens willentlich Entscheidungen für das zu treffen, was das Gesetz fordert. Moralität und Humanität, die ihrer fähig ist, ist für Kant das, was allein Würde hat: die Fähigkeit des Menschen, zwischen Richtig und Falsch zu wählen und selbst dementsprechend zu handeln.

Kant wurde für seine Spezifizierung der Menschenwürde als moralische Verantwortlichkeit von der christlichen Theologie kritisiert. Und natürlich ist diese Definition reduktionistisch und nur eine Seite der Menschenwürde, wenn sie das Wesen des Menschen als Geschöpf Gottes außen vor lässt. Zudem leugnet die autonome Vernunft ihre Abhängigkeit von Gott und Seinem Wort, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, und die Verantwortung vor Gott und Menschen, dementsprechend zu handeln. Kant erhob jedoch die menschliche Verantwortung zurecht, wo sie den Menschen von der mittelalterlichen Kirche abgenommen worden war.

Bei der Menschenwürde geht es nicht um Ethik. Sie sagt nicht, was Menschen tun oder lassen sollen, sondern dass es ihre Bestimmung ist, in Übereinstimmung mit ihrer göttlichen Berufung zu leben. Wer die Bestimmung zur Verantwortlichkeit aus der Menschenwürde herauslässt, sieht den Menschen nur als Individuum und verleugnet seine Identität als Beziehungswesen und seine Verantwortung in diesen Beziehungen.

 

Was bedeutet der Einbezug der Verantwortung in die Definition der Menschenwürde im Blick auf ungeborene Kinder und behinderte Menschen?

Kants Definition der Menschenwürde wurde vor allem in Hinblick auf Menschen kritisiert, die nicht in der Lage sind, moralische Entscheidungen zu treffen und diese aktiv zu verfolgen. Wie bereits erwähnt, darf Menschenwürde nicht allein am Aspekt der Verantwortung festgemacht werden. Der Schöpfungsakt Gottes ist das Erste, Sein Ruf in die Verantwortung das Zweite.

Ungeborene Kinder sind noch nicht zu verantwortlichem Handeln imstande. Aber die Fähigkeit dazu ist angelegt, um entwickelt zu werden. Gottes Bestimmung ist nicht nur Sein Ruf ins Leben, sondern von Anfang an Ihm und anderen Menschen zu antworten, was zuallererst heißt, auf den Organismus der Mutter zu reagieren (Ps 71,6 und 58,4). Kinder werden geschaffen, um großgezogen und gebildet zu werden zu ihrer vollen Verantwortlichkeit gegenüber Gott, Menschen und der Schöpfung.

Im Blick auf behinderte Menschen ist theologisch zuerst festzuhalten, dass Krankheit und Behinderung Folgen des Falls des Menschen und nicht Teil von Gottes originaler Schöpfung sind. Zweitens muss jeder Mensch in irgendeiner Weise fähig sein, Gott zu antworten, trotz und ungeachtet seiner Krankheit oder Behinderung, und sei es unbewusst. Andernfalls wäre er von der Errettung durch Jesus Christus ausgeschlossen. Darüber hinaus reagieren behinderte Menschen jedoch auf Andere oft mit einem erstaunlichen Ausdruck von Liebe und geben ihnen so ein lebendiges Beispiel für Jesu Liebesgebot (Mt 22,39). Die Fähigkeit, Liebe zu empfangen und zu geben, ist offensichtlich jedem Menschen gegeben in Übereinstimmung mit diesem höchsten Gebot Jesu, das das Gesetz Gottes erfüllt, auch wenn jemand nicht in der Lage ist, praktisch für sich selbst und andere zu sorgen.

Was sind die politischen Auswirkungen eines Begriffs der Menschenwürde, der Verantwortlichkeit einschließt?

 

  1. Individualismus und Gemeinwohl

Ein beziehungsorientierter Begriff der Menschenwürde sieht eine gegenseitige Verantwortung des Menschen darin, für diese Würde jedes Menschen zu danken und füreinander einzustehen. In einem individualistischen Ansatz wird die Gemeinschaft verpflichtet, die Würde des Individuums zu achten und ihm zu dienen. Das geschieht u. a. in staatlichen Sozialsystemen mittels kollektiv erhobener Steuern, die dann an individuelle Verbraucher verteilt werden. Die westlichen Gesellschaften haben die Menschenrechte individualisiert und Pflichten kollektiviert.

Jesu Liebesgebot wird auf diese Weise umgekehrt. Es gebietet jedem einzelnen Menschen, seinem Nächsten zu dienen, und nicht, sich von ihm und der Gemeinschaft dienen zu lassen. Politisch instrumentalisierte Nächstenliebe wird zu einer Fälschung dieser, weil Liebe zum Nächsten immer persönlich und freiwillig gegeben wird. Andernfalls ist es keine Liebe, sondern Zwang oder Nötigung.

Die europäischen Gesellschaftssysteme müssen ihre Gesetzgebung wieder an der Gemeinschaft ausrichten und zugunsten gegenseitiger Verantwortlichkeit in der Gesellschaft und umkehren von einer überzogenen Fixierung auf das Individuum und Minderheiten. Minderheiten und das Individuum müssen herausgefordert werden, nicht vor allem für ihre eigenen Rechte zu kämpfen, sondern Verantwortung für andere und die Gesellschaft als Ganze zu übernehmen.

  1. Sozialsysteme

In den westeuropäischen Ländern haben staatliche Sozialsysteme in großem Ausmaß die sozialen Verantwortlichkeiten der Familie übernommen. Je mehr Familien zerbrechen, desto mehr steigen die Sozialausgaben. Wer Menschenwürde ohne persönliche Verantwortung definiert, muss für Alleinerziehende zum Beispiel umfassende Sozialhilfe befürworten. In welchem Ausmaß ist es jedoch die Schuld der Gesellschaft, wenn die Familienmitglieder in ihrer Verantwortung versagen, ihre Beziehungen zu pflegen und füreinander zu sorgen?

Wenn wir den Begriff der Menschenwürde nicht zusammen mit dieser Verantwortung sehen, darf das Versagen von Ehepartnern darin, ihre Familie zu erhalten, nicht benannt werden. Dann ist niemand ist für die Zerstörung der Familien verantwortlich und die Allgemeinheit muss die Kosten tragen.

Natürlich wollen wir nicht, dass die Kinder zerstörter Familien in Armut fallen. Kinder sind nicht verantwortlich für das Versagen ihrer Eltern. Deshalb befürwortet Bündnis C ein bedingtes Grund- und Erziehungsgehalt u. a. für Eltern, die Kinder erziehen.

Insgesamt müssen die westlichen Gesellschaften jedoch nach dem Prinzip der Subsidiarität die soziale Verantwortung an die Familien zurückgeben. Das beinhaltet eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Familien durch Steuersenkungen und ein Gehalt für Vollzeitmütter und –väter wie auch für pflegende Angehörige. Familien müssen jedoch vor allem in ihrer Würde wertgeschätzt, bevollmächtigt und befähigt werden, ihre soziale Verantwortung ohne staatliche Bevormundung auszuüben.

  1. Flüchtlinge und Migranten

In vielen europäischen Ländern genießen Flüchtlinge eine Rundumversorgung für Nahrung, Wohnen, medizinische Versorgung, Sprach- und Integrationskurse. Das ist notwendig für die erste Zeit in einem fremden Land. Bei längerem Aufenthalt müssen sie jedoch herausgefordert werden, dass sie nicht für immer und nicht nur Opfer von Krieg oder Verfolgung sind. Sie tragen weiter Verantwortung:

  • Dafür ihren Lebensunterhalt zu verdienen, statt ihn von der Gesellschaft zu empfangen
  • Für ihre zurückgelassenen Familien
  • Für ihr Herkunftsland
  • Für das Land, in dem sie zurzeit leben.

Wer Flüchtlinge in der Rolle von Opfern und Hilfeempfängern belässt, dezimiert ihre Menschenwürde und ihre Fähigkeiten. Wenn Politik und Gesellschaft sie nicht in die Verantwortung für sich selbst und für andere nehmen, werden viele weder für ihr Gastland noch für ihr Heimatland aktiv werden.

Bündnis C befürwortet die Aufnahme von Flüchtlingen, um den jungen Menschen eine gute Berufsausbildung zu ermöglichen und sie freiheitlich-demokratische Grundwerte zu lehren. Sie sollen dazu ausgerüstet werden, später in ihren Heimatländern politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen zu initiieren und umzusetzen.

  1. Religionsfreiheit

Die muslimische Mutter, deren Sohn oder Tochter für den IS kämpft, ist nicht nur ein Opfer des IS. Sie mag ihre Kinder nicht zu Hass und Terrorismus erzogen haben. Und sie braucht Trost in ihrem Leiden und der Trauer über den Weg ihres Kindes. Doch an einem bestimmten Punkt muss sie realisieren, dass islamischer Terrorismus und Gewalt mit dem Islam zusammenhängen und Teil ihrer Religion sind, in der sie ihre Kinder erzogen hat. Und dass sie damit den Samen in sie hineingelegt hat für deren spätere Entscheidung, Allah so zu dienen, wie es sein Prophet getan hat.

Es ist ihre Verantwortung, dem wahren Gott zu antworten, und dafür muss sie ihn natürlich kennen und die gute Nachricht von Jesus Christus für sie selbst und ihre Familie hören. Dieser Mutter nur in Barmherzigkeit zu dienen, hält sie in ihrer Rolle als Opfer. Wir sind aber niemals nur Opfer, sondern verantwortlich dafür, was wir glauben und wem wir dienen.

Die Verkündigung des Evangeliums für Muslime ist nicht Aufgabe der Politik, sondern der Kirche. Die Politik hat einerseits Religionsfreiheit zu gewährleisten. Andererseits muss sie das Recht auf Freiheit der Religionsausübung nach Grundgesetz Art 4(2) in eine ausgewogene Balance bringen mit der Pflicht für religiöse Gemeinschaften, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses nach GG Art 4(1) jedem ihrer Mitglieder zu gewähren, auch wenn sie diese Religionsgemeinschaft verlassen wollen. Die Gesetzgebung muss das Recht des Religionswechsels festschreiben und schützen, um auch Muslimen in Europa die Freiheit zu garantieren, eine verantwortliche Entscheidung für oder gegen den Islam zu treffen.

Zusammenfassung

Diese Beispiele verdeutlichen die Auswirkungen, die ein Verständnis der Menschenwürde in einem Paradigma des Individualismus oder aber in einer relationalen Sicht auf Individuum und Gesellschaft hat. Die westliche Theologie hat die biblischen Grundlagen traditionell in einer individualistischen Auslegung gemäß ihrer kulturellen Prägung interpretiert. Angesichts der gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Spannungen sind wir in Europa zu einem beziehungsorientierten Verständnis des Menschen und seiner Würde herausgefordert.

Dies ist auch im Blick auf osteuropäische Länder wesentlich, die Beziehungen höher gewichten als den extremen westlichen Individualismus. Für eine geistige Einheit Europas brauchen wir deren Sicht als Korrektiv und zur Erweiterung unseres westlichen Werteverständnisses. Tragfähig für eine gesunde Gesellschaft ist eine biblisch fundierte Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft, die im Bild des Leibes Christi (1Kor 12,12ff) ihr Vorbild hat.

Karin Heepen